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Das Zeitalter der Wissenschaft und Technik hat die Ausbildung des Menschen in
ganzbestimmte Gleise gezwungen. Erschöpfend mußten seine rationalen Fähigkeiten
geschult werden. Wir verdanken dieser Formung des Menschen den hohen, gut gegründeten
Stand unserer gegenwärtigen Kultur. - Aber schon verbindet sich die Gegenwart mit der
Zukunft. Wissenschaft und Technik veränderten den Menschen nicht nur fördernd, sondern
zwingen uns, die ethisch-sittlichen Normensysteme des Handelns neu zu überdenken. Dieser
Neuorientierung dient die Europäische Meditation. Wir wissen heute, daß Zeit und
Zeitlosigkeit sich durchdringen. Das ergibt eine andere Fragestellung nach der
Verantwortung der Menschheit für das Leben überhaupt. Verhaltensforscher und Biologen
beweisen uns, daß der heutige Mensch noch unvollkommen ist und sich weiterentwickeln
kann. Moderne Philosophen stellen fest, daß das Ungleichgewicht zwischen äußerem Wissen
mit daraus entstehender Macht und der vernachlässigten inneren Weiterbildung verschwinden
muß. Der Weg des heutigen Menschen zum besseren Menschwerden ist nicht zu trennen von den
Erkenntnissen der Wissenschaft vom Menschen. Schärfung und Weiterbildung der Sinne,
Ausschöpfung des schon vorhandenen fluidalen Potentials und Verschmelzung all dieser eben
genannten Aspekte könnte dazu führen, daß der Mensch der kommenden Zeit sich des
corticalen Systems endlich in der rechten Weise bewußt wird und neue ethische Richtlinien
erkennt und anerkennt. Das würde Frieden bringen zwischen Wissenschaft und Religion. Eine
Neuordnung des menschlichen Zusammenlebens im Sinne des Integrats (Gebser) könnte eine
Lebensform von heute noch ungeahnter Wertigkeit hervorbringen. Eine Hoffnung? Oder eine
Notwendigkeit? Jedenfalls ist der Weg der Europäischen Meditation ein menschenwürdiger,
im Sinne des nachfolgenden Zitats von Ditfurth: 'Jetzt stellt sich heraus, daß wir alle,
ob wir wollen oder nicht, fortwährend an einer Veränderung der Welt im Ablauf ihrer
evolutiven Geschichte teilhaben, die zu ihrer Vollendung führen wird. Niemand kann daher
aus der Verantwortung entlassen werden, die sich für ihn daraus ergibt, daß auch sein
Tun und nicht zuletzt sein Lassen im Rahmen seiner Möglichkeiten mit darüber bestimmt,
welchen Verlauf die Entwicklung nimmt, die über das Schicksal des Kosmos entscheidet.'
(Hoimar von Ditfurth 'Wir sind nicht nur von dieser Welt', Hoffmann und Campe-Verlag) Die
Arbeit am meditativen Da-sein ist primär wichtig. Nur wenn man lernt - tut - eine Technik
entwickelt, sammelt man Erfahrung.
Ein Beispiel: Jemand möchte Tischler werden. Dann muß er in einer Werkstatt unter
erfahrenen Tischlern lernen. Er tut etwas mit Holz. Allmählich lernt er auch einiges
über die verschiedenen Holzarten, über Handwerkszeug und seine Pflege, über Leim und
all die vielen Zutaten, die bei der Holzverarbeitung eine Rolle spielen. Er lernt aber
nicht nur theoretisch, was z.B. eine Holzschraube ist, sondern er muß sie auch praktisch
verwenden können. Erst allmählich wird er auch etwas über die Geschichte des
Tischlerhandwerkes mit seinen vielen Spezialgebieten erfahren. Damit er einen
berblick bekommt und vielleicht auch Anregungen für seine eigene berufliche
Entwicklung, ist das wichtig. Aber beachten wir: die Theorie ist wichtige Ergänzung zum
handwerklichen Tun. Ohne Begabung für das gewählte Handwerk, ohne Freude am Umgang mit
Holz und ohne tägliches, praktisches Arbeiten nützt ihm die Theorie nichts.
Ein weiteres Beispiel aus dem alltäglichen Leben: man will schwimmen - dann muß man es
lernen. Man hat unter verschiedenen Stilen die Wahl. In jedem Fall muß man ins Wasser
gehen und üben. Mit Theorie und Trockenschwimmen ist es nicht getan. Es ist untrennbar
vom Schwimmenlernen, sich mit dem Element Wasser zu beschäftigen. Man erfährt, daß es
trägt und von der Schwerkraft befreit. Wenn man dann schwimmen kann, genießt man
allmählich aus der Sicherheit des Könnens heraus auch die Umgebung. Vielleicht schwimmt
man in einem Strom. Und möglicherweise will man eines Tages wissen, woher er kommt und
wie es um seine Quellen und Zuflüsse bestellt ist.
Es ist ein besonderes Merkmal der Meditation, daß sie den Meditierenden zur
Gründlichkeit erzieht. Er hat immer mehr den Wunsch, Ordnung in seinem Leben zu
verwirklichen. Außerdem will er seine Erfahrungen in Beziehung zur Umwelt setzen. An
diesem Punkt beginnt er zu fragen. Er wird sich fragen, warum er gerade diese
Meditationsform gewählt hat. Er wird weiter forschen, wie Menschen vor ihm meditierten
und welche Erfahrungen sie machten. Also beginnt er, entsprechende Bücher zu lesen. Das
Angebot ist vielfältig. Er bemerkt spätestens jetzt, daß es eine Fülle von
Meditationsarten gibt und seine nur eine unter vielen ist. In jeder Hochreligion gibt es
spezielle Meditationstechniken. Aber z.B. auch die Logen haben die ihren. Und wenn er sich
mit den modernen Wissenschaften beschäftigt, stellt er fest, daß auch hier oft meditiert
wird. Hierher gehört die Definition des Begriffes, wie wir sie mit freundlicher
Genehmigung von Dr. Massa übernommen haben: 'Unter dem Aspekt der Aktivität sind die
drei Formen Betrachtung - Meditation - Kontemplation gekennzeichnet durch Aktivität -
aktive Passivität - reine Passivität. In der Ebene der Betrachtung "beschäftige
ich mich mit etwas", gedanklich, emotional, willentlich. Die Aktivität des
Betrachtenden denkt nach, versucht seinen Gegenstand zu erfassen, in ihn einzudringen und
zu Entscheidungen für sein Leben zu kommen. Auf der Ebene der Meditation "lasse ich
mich auf etwas ein". Wille und Erkenntniskraft nehmen sich zurück, öffnen sich dem
Gehalt, lassen sich beeindrucken und prägen. Es ist ein passives Sich-Öffnen, das eine
Aktivität enthält, weil das ständige Zugreifenwollen zurückgehalten werden muß. Die
Gehalte der Meditation können aus der Welt genommen sein, aus dem Bereich des
menschlichen Wortes oder der Welt der Symbole entstammen. Die Hl. Schrift ist voll mit
Bildgestalten, die sich zum Meditieren anbieten. Meditation kann man nicht anstellen, man
kann sich ihr hingeben. Je länger einer übt, um so mehr vereinfacht sich der seelische
Verlauf, um so sparsamer wird der Bildbedarf. Die sich immer mehr verdichtende Einfachheit
der Gehalte kraft der Ausblendung des Vielfältigen führt schließlich zu einer Schau
ohne Bild und wenn auch der letzte Gehalt, das eigene Sein, vergangen ist, zu einer Schau
des dem eigenen Sein zugrunde liegenden umgreifenden Seins, der göttlichen Wirklichkeit.
Hier kann der bende nichts mehr tun, er wird völlig passiv und muß "an sich
geschehen lassen". Er steht an der Schwelle der Kontemplation. Von jeher haben
Menschen heilige Bezirke umgrenzt, in denen sie etwas von der ganz anderen Wirklichkeit
angeweht hatte. Sie umzirkten Quellen, Bäume oder einen Schrein, bauten ein Haus darum,
ein Templum. In Entsprechung zu dieser Erfahrung nannte man auch den Bezirk im innersten
Innen, in dem die Gegenwart des Nichtnennbaren erpürt wurde, Templum, Seelenburg,
Seelenspitze, Grund. Kontemplatio ist das Eingelassenwerden in diesen Bezirk, so daß man
zu einer Art des Mit-seins, des Konexistierens kommt. In der Kontemplation strömt die uns
umgreifende Wirklichkeit in die Mitte unseres Seins ein und läßt unser Sein Wurzel
schlagen im Grund aller Wirklichkeit. Kontemplation ist so verstanden das Innesein dieser
letzten Wirklichkeit und das Einssein mit ihr in liebender Hingabe, ist bildloses Erkennen
der göttlichen Wirklichkeit. Somit ist der Weg von der Betrachtung über die Meditation
zur Kontemplation ein Prozeß der Bewußtseinsverdichtung im Raum personaler Mitte, ein
Weg, der beginnt beim Vielerlei der Welt, sich vereinfacht im Einlassen auf die Gehalte
meditativer Bildwelt und sich zuspitzt in der Schau des eigenen Seins, die sich öffnet in
die bildlose Schau der uns umgreifenden Wirklichkeit.' (Dr. Massa "Kontemplative
Meditation", Topas-Taschenbuch) Auch die modernen Wissenschaftler 'lassen sich also
auf etwas ein'.
Da wir jetzt den großen Strom der Meditation von unserer Zeit bis zu seinen Quellen
zurückverfolgen wollen, können wir mit einer der modernen Wissenschaften beginnen. Unser
Standort ist folgender: wir üben eine Form der Meditation, die wir 'Europäische
Meditation' nennen. Sie hat sich in unserer Zeit entwickelt. Wir glauben, daß in einer
Zeit, in der Meditation Gegenstand des Mißbrauchs und der Scharlatanerie wird, eine klare
Profilierung der Europäischen Meditation, wie wir sie vertreten, ein Gebot der Stunde
ist. Ihr Profil ist wesentlich mitgeprägt von: Psychologie, Verhaltensforschung,
Zukunftsforschung, Thanatologie, Biologie, moderner Physik und den Geisteswissenschaften,
aber auch von den frühen religiösen Quellen. Aus all diesen Gebieten können wir im
Rahmen dieser Schrift natürlich nur ganz kurze Beispiele anführen. Nichts kann
erschöpfend behandelt werden. Dieses ganze Heft soll Sie nur anregen, selbst zu forschen
und sich Klarheit zu erarbeiten, wie weit der heutige Mensch in der Welt integriert ist.
In der Welt, nicht nur auf der Erde.
A. und V. van Ogtrop "Quellen der
Europäischen Meditation", EURO-Verlag, 10,01 DM, 5,14 ,
ISBN 3-925774-02-5
Falshöft 13 D 24395 Nieby Tel. 04643 - 2191 Fax: 04643
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