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Verena van Ogtrop


Begegnung

mit dem

anderen Ich


3. Tag. Wie stellt man sich sein anderes Ich vor? Es scheint so eine Art besserer Hälfte zu sein. Jener Teil von uns, der immer im Paradies ist. Wenn man gut ist, ist die Einheit mit ihm wieder hergestellt. Aber wann ist man schon wirklich gut? Wenn man auf den Grund, zu den Quellen, zum Ursprung zurückfindet. Aber wann lebt man schon wirklich gründlich? Sein einziger Fehler ist, daß man gleichsam ein Medium braucht, um es überhaupt zu erreichen. Sein Fehler oder meiner? In den Gärten von H. war das Medium da. Die Natur stellte dort die Einheit her. An diesem Abend muß es die Musik getan haben. Ich saß in der Oper und spürte plötzlich, daß wir jetzt ganz eins waren. Raimunds's "Verschwender" zog in naiven Bildern und Melodien an uns vorbei. Leise wuchs die Freude in mir, fast heimlich im Anfang, so daß ich nachher überlegen mußte, wann sie angefangen hatte. Aber ich konnte mich nur des Augenblicks entsinnen, in dem sie schmerzhaft stark wurde, und gleich darauf wußte ich: jetzt bist Du wieder so, wie Du von Anfang an gedacht warst, ganz und eine Einheit. Es war fast unvorstellbar, daß es nicht immer so bleiben sollte und nicht immer so gewesen war. Die Zweiheit meines Ichs war wieder zur Einheit verschmolzen. Ich saß nicht mehr, bildlich gesprochen, neben mir: es gab nur noch ein einziges besser, ja leuchtender gewordenes Ich. Und wieder das Gefühl: die Freude schlägt Funken aus Dir, nimm Dich sehr zusammen, sonst sehen's alle Leute.

Das war mir schon von jeher Gebot: die anderen dürfen nicht wissen, wie ich wirklich bin, wie es ist, wenn ich ganz ich selbst bin. Den meisten Menschen bin ich schon unbequem genug. Wüßten sie, welche Möglichkeiten mein einheitliches Ich zu leben hätte - ich würde ihnen gänzlich fremd und unverständlich. Sie würden mich jagen und verletzen. Ich bin besser, wenn ich eine Einheit bin. Aber bin ich auch stärker? Hier an diesem Abend war es das Leuchten, das ungetrübt blieb. Nur um tiefer genießen zu können, spielerisch, trennten wir uns nach der Oper, um miteinander essen zu können. Ich sah mir selbst in die Augen beim Kerzenschein. Nichts schien mehr fremd in mir. Und später auf dem Heimweg flog aus einem dunklen Busch eine silberne Welle Vögel auf, und die Freude einte mich wieder vollständig und blieb bis in die Tiefen der Nacht.

Verena van Ogtrop "Begegnung mit dem anderen Ich", EURO-Verlag, 14,98 DM, 7.65 €, ISBN 3-925774-04-1

Falshöft 13 D 24395 Nieby Tel. 04643 - 2191 Fax: 04643 - 2180

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